Psychische Erkrankungen gehören epidemiologisch weltweit zu den verbreitetsten Krankheitsrisiken. Psychopharmaka prägen unsere Gesellschaft stärker, als uns dies bewusst ist. Gleichwohl ist der rechtliche Rahmen der psychopharmakologischen Forschung und Therapie fragmentiert sowie teils von vorrationalen Pfadabhängigkeiten geprägt. Die vorliegende Untersuchung geht von der Geschichte der wissenschaftlichen Psychopharmakologie sowie den neurochemischen Wirkungsmechanismen typischer Psychopharmaka aus. Klaus Ferdinand Gärditz analysiert die wildwüchsigen Regelungsstrukturen und die damit verbundenen Wechselwirkungen zwischen Pharmakologie, Gesellschaft und Recht als institutionelle Herrschaftspraxis. Naturwissenschaftliches Wissen prägt einerseits das Recht, reziprok prägen aber auch die Symboliken und Steuerungsinstrumente des Rechts die Entstehung von sowie den Umgang mit naturwissenschaftlichem Wissen. Pharmakologische Wissensgenerierung hat eine markante Eigengeschichtlichkeit, die erst aufzeigt, wie überhaupt Regelungsbedürfnisse entstanden sind und wie eine Gesellschaft, die Recht instrumentell zur sozialen Zielerreichung einsetzt, Psychopharmaka und ihre Erforschung in der Zeit wahrgenommen hat. Eine kontextsensible Reflexion des Rechts der psychotropen Stoffe (vom Betäubungsmittelrecht über das Arzneimittelrecht bis zum verfassungsrechtlichen Rahmen) scheint gerade auch deshalb angezeigt, weil Legalisierungs- und Liberalisierungsdebatten wieder an Fahrt aufnehmen, aber weitgehend konzeptlos bleiben.
ist Inhaber eines Lehrstuhls für Öffentliches Recht an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.
EinleitungI. Psychotrope Stoffe und normativ-soziale PräformationII. Pharmakologie zwischen Medizinrecht und ForschungsrechtIII. Grundlagenforschung, angewandte Wissenschaft, medizinische AnwendungIV. Autonomie rechtlicher Begriffssysteme und Kontextualisierung des Rechts1. Kapitel: Entwicklungspfade der Psychopharmakologie zwischen therapeutischer Pragmatik und WissenschaftI. Entwicklung eines Denkstils der PsychopharmakologieII. Wirkungsansätze von PsychopharmakaIII. Evidenz, Ätiologie und PsychopharmakaIV. Arzneimittelpathologie und Stoffabhängigkeit als Krankheit des Gehirns2. Kapitel: Psychopathologie, Pharmatherapie und GesellschaftI. Psychopathologie und KulturII. Psychopathologie und Norm: Gesellschaft, Recht und Psychopharmaka der "Pop a Prozac"-CultureIII. Psychopathologie, Gesellschaft und RechtIV. Bilanz: Gesellschaftliche Nutzenerwartungen und Grundlagenwissen3. Kapitel: Toxikologischer Blick des Rechts: Verbotsregimes psychotroper StoffeI. Die Asymmetrie der stofflichen RisikowahrnehmungII. Vom Apothekenrecht zum SuchtstoffrechtIII. Regelungsstruktur zwischen Verwaltungs- und StrafrechtIV. Wettlauf von Hase und Igel: Das Recht der Neuen psychoaktiven StoffeV. Bilanz: Ambivalenz-Intoleranz des Betäubungsmittelrechts4. Kapitel: Pharmakologischer Blick des Rechts: Anwendung und Zulassung von PsychopharmakaI. ArzneimittelregulierungII. Arzneimittel- und Betäubungsmittelrecht als wechselseitige Auffangordnungen?III. Psychopharmaka in ArzneimittelzulassungsverfahrenIV. Pflanzliche ArzneimittelV. Psychopharmaka in der TiermedizinVI. Die psychische Verführbarkeit: Ein besonderes WerbeverbotVII. Enhancement und ArzneimittelprüfungVIII. Hochmolekulare Wende?IX. Bilanz: Psychopharmaka als normatives Risikomanagement5. Kapitel: Wissenschaftliche Methode und Norm: Forschungsrecht der PsychopharmakologieI. Nichtklinische ForschungII. Klinische Arzneimittelprüfung als Forschungsformat?III. Forschung, Therapie und HeilversuchIV. Forschung mit BetäubungsmittelnV. TierversuchsrechtVI. StrahlenschutzrechtVII. Recht der genetischen ForschungVIII. DatenschutzrechtIX. Bilanz: Verwissenschaftlichung der Medizin und medizinisches Wissenschaftsrecht6. Kapitel: Psychotrope Substanzen und VerfassungsrechtI. Psychopharmaka und verfassungskonforme ZurechnungsgründeII. Schutz der psychischen Integrität, Identität und SelbstbestimmungIII. Rechtfertigung von psychopharmakologischer ZwangsmedikationIV. Grundrechtlicher Anspruch auf Schutz der psychischen GesundheitV. Grundrechtlicher Schutz der Nutzung psychotroper StoffeVI. Das Katalogproblem: Verbot psychotroper Stoffe und GleichheitVII. Transnationale Grenzen verfassungsrechtlicher DeterminationVIII. Bilanz: Verfassungsrecht ist keine Happy PillBeobachtungen: Gesellschaftliche und naturwissenschaftliche Komplexität in der komplexitätsscheuen GesellschaftI. Beharrungskräfte des VorrationalenII. Bürokratisierung durch VerfahrenIII. Eigenrationalität des Rechts und politische ChemieIV. Der kurze Arm des Gesetzgebungsstaats: Fachliche Standardisierung schlägt zurückV. Die Magie des Zufalls und ihre LückenVI. Divergente Fließgeschwindigkeiten: Wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt, praktisches Anwendungswissen und rechtliche RegulierungVII. Eine hinkende Ehe: Grundlagenforschung und das Recht