Robert Martin Jockel unternimmt eine systematische (Re-)Konstruktion der Christologie Eberhard Jüngels anhand des Leitgedankens von der Menschlichkeit Gottes als zu erzählender Geschichte und plausibilisiert sie so als eine erzählhermeneutische Christologie. Die Erzählung, der die Christologie nachdenkt, wird nach dem Vorbild der für Jüngel fundamentalen Versöhnungslehre Barths (KD IV) in zwei relationale Bewegungen und ihre Einheit unterteilt, sodass die Geschichte Jesu Christi als Geschichte Gottes wie des Gott entsprechenden Menschen und die Christologie als Sprachhermeneutik der sich narrativ vermittelnden Einheit beider zu stehen kommt. Der Autor hebt dabei in unterschiedlicher Perspektive mit der christologischen Zentralkategorie Jüngels, der Selbstidentifikation Gottes mit dem Gekreuzigten, an. Zunächst macht er sie als ‚nachmetaphysisches' Äquivalent der Zwei-Naturen-Lehre und Begründungsfigur der Trinitätslehre vorstellig, geht ihrem Sich-Ereignen in Kreuz und Auferweckung nach und skizziert ihre rechtfertigungstheologischen Implikationen sowie ihre Bedeutung für den Menschen Jesus selbst. Dessen Geschichte wird als eine von Gottes Identifikation mit ihm in besonderer Weise qualifizierte gelesen, sodass Jesus das Mittelglied eines Analogiegefüges zwischen Gott und Mensch bildet, das bis zur christologischen Begründung der Anthropologie reicht. Die spezifische Relationalität des Seins dieses Menschen, aus seinem Insistieren auf die Basileia Gottes näherungsweise historisch erkennbar, wird zum paradigmatischen Fall ganzheitlichen Menschseins und so zur Grundlage einer Existenzialontologie. Anschließend wird vom Identifikationsgeschehen als Sprachereignis aus die christologische Grundierung noch der Sprachhermeneutik und Pneumatologie Jüngels einsichtig. Sprachereignis, Metapher, Analogie und Erzählung selbst erweisen sich als christologisch begründet und ereignen pneumatologisch-narrativ auch heute noch das Sein Jesu Christi, sodass klar wird: In der Christologie entsprechen sich Sprache und Sache, Hermeneutik und materiale Dogmatik. Dabei an die Oberfläche tretende Probleme dieser christologischen Logik, die die Sprache zu überformen droht, werden bearbeitet, indem Jüngels Ansatz konsequent erzähltheoretisch weitergedacht und konstruktiv-kritisch interpretiert wird: Jesus Christus nicht ‚nur' als Sprach-, sondern grundlegend als Erzählereignis.
Geboren 1993; 2025 Promotion zum Dr. theol. an der Goethe-Universität Frankfurt am Main; wiss. Mitarbeiter an der Professur für Systematische Theologie/Ethik des Instituts für Evangelische Theologie der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Einleitung1. Zum Anliegen dieser Untersuchung2. Die Stellung der Christologie in Jüngels „irregular dogmatics": Quellenlage und Methodik3. Zur Sekundärliteratur4. Zu Jüngels ‚barthianischer' Denkform5. Christologie als (Nachvollzug einer) große(n) Erzählung: Zum Aufbau dieser UntersuchungI. Jesus Christus als Geschichte Gottes1. Die Selbstidentifikation Gottes mit dem Gekreuzigten: Jesus Christus als sacramentum2. Jüngels christologisch begründete Trinitätslehre3. Das Kreuzesgeschehen4. Die Auferweckung des Gekreuzigten5. Jüngels Rechtfertigungslehre als ‚Anwendung' der Christologie6. Analeptische Ontologie: Das Sein des Menschen Jesus von Ostern herII. Das Sein Jesu Christi als Geschichte des Gott entsprechenden Menschen1. Die Selbstidentifikation Gottes mit der Geschichte eines konkreten Menschen: Die dogmatische Bedeutung des historischen Jesus2. Jesus als Gleichnis Gottes und wahrer Mensch3. Die anhypostatische Existenz des Menschen Jesus4. Analogische Anthropologie: Christologie als ExistenzialontologieIII. Christologie als Hermeneutik der Menschlichkeit Gottes als Geschichte1. Jüngels Christologie als Hermeneutik einer narrativen Theologie2. Jüngels hermeneutische Geistchristologie3. Die Menschlichkeit Gottes als Geschichte in Jüngels Predigten4. Die Möglichkeit als intentionalistische Metametapher: Zur Kritik an Jüngels ontologischer LogikIV. Systematische Weiterführung: Ein erzähltheoretischer Kritik- und Deutungsversuch1. Die Erzählung als Hintergrundmetapher der Christologie2. Erzähltheoretische Fortschreibungen von Jüngels Christologie3. Systematische Pointierung: Jesus Christus als ErzählereignisZusammenfassung